Wenn Spielen zur Hauptsache wird, wachsen zwischen den Buchseiten Welten

Die wunderbarste Erfahrung, die ich während des Lehrgangs “Kunst der Vermittlung: Kinderliteratur” machen durfte, ist: Zwischen zwei Buchdeckeln stecken nicht nur eine Geschichte und Illustrationen, mit dem Aufschlagen eröffnet sich ein ganzer Kosmos, den wir uns und den Kindern wie Forscher erschließen können.

Mit dem Aufschlagen eines Buches öffnet sich ein ganzer Kosmos.

Mein Blick hat sich dadurch völlig verändert, als sei ich für diese Art der Betrachtung bisher blind gewesen. Seither schlägt mein Herz noch viel schneller, wenn ich in die Nähe einer Buchhandlung komme und die Tür, die ich öffne und durchschreite, sich wie ein Schritt von der Erdatmosphäre in die Galaxie anfühlt. Ich habe begriffen, was Literaturvermittlung ist.

Von seinen Eltern lernt
man lieben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man
mit Büchern in Berührung
kommt, entdeckt man,
dass man Flügel hat.
Helen Hayes, Schauspielerin

Mit dem Bilderbuch “Wer schnarcht im 13. Stock” von Autor Wade Bradford und Illustrator Kevin Hawkes, erschienen bei Orell Füssli, startete ich in die erste Veranstaltung meiner 3-Reihe in der Bücherei am Dorfbach in Hard.

Zum Inhalt
Herr Schnarch ist nach einem langen Tag hundemüde und möchte nur noch eins – Schlafen! Er checkt in das Gute-Nacht-Hotel ein und der nette Mann von der Rezeption gibt ihm sofort ein Zimmer im 1. Stock. Dort legt sich Herr Schnarch ins Bett und will einschlafen. Doch plötzlich hört er ein Geräusch und entdeckt eine schlafende Maus auf seinem Kopfkissen. Der freundliche Rezeptionist gibt ihm ein neues Zimmer im zweiten Stock. Doch auch hier kommt er nicht zur Ruhe, weil ein Schwein in seinem Bett schläft, das ihm die Decke klaut. …

Doch wie nehme ich die Kinder des Kindergarten “Am Dorfbach” mit ins Gute-Nacht-Hotel? Wie lasse ich die Vier- bis Sechsjährigen Teil der Geschichte werden? Ich hatte eine Idee. Die nagelneue Papierrolle, die ich noch zu Hause hatte, bot sich geradezu an, das Gute-Nacht-Hotel zu werden. Ein Meter breit und fünf Meter lang, zeichnete ich 13. Stockwerke ein und jedes bekam eine Tür, die sich öffnen ließ. Wie bei einem Adventkalender klebte ich die Bilder dahinter, die ich aus dem Bilderbuch kopiert hatte.

Schnell noch ein Foto bevor die Kinder kommen.

Beim Antiquitätenhändler besorgte ich noch ein altes Telefon und Schlüssel. Aus der Hauptfigur – Herrn Schnarch – nähte ich eine Handpuppe. (Barbaras Satz: Handpuppen sind die Antennen zu den Kindern, ist mir gut in Erinnerung geblieben.)
An die Schlüssel (13 Stück) bastelte ich Anhänger in verschiedenen Farben, die mit der Farbe der Zimmernummer an der Tür ident waren. Jedes Kind durfte eine Tür aufschließen und dann den anderen erklären, warum Herr Schnarch auch nicht im vierten, fünften oder zehnten Stock schlafen konnte, während wir gemeinsam das Bild betrachteten. Dieses “Güxla” forderte von den Kindern aktive Teilnahme, die die Neugierde weckte und zugleich auch Spiel war. Hinzu kam das Raten, wer wohl im nächsten Stock den Schlaf von Herrn Schnarch stören wird.

Herr Schnarch beschwert sich an der Rezeption. Er kann nicht schlafen, denn auf dem Kopfkissen liegt schon eine Maus.

Wer schließt als nächstes die Zimmertür auf.

Nach der Veranstaltung lieh sich der Kindergarten das Bilderbuch “Wer schnarcht im 13. Stock” aus, um es nochmal zu lesen. Nie hätte ich gedacht, was eine der beiden Kindergärtnerinnen mir bei der zweiten Veranstaltung meiner 3-Reihe erzählte: Die Kinder seien so begeistert gewesen, dass sie das Buch dreimal täglich vorlesen musste. Wow!

Bilderbücher entdecken und erforschen – wenn das Buch ein Spiel wäre …
Von da an versuchte ich weitere spielerische Interaktionsmöglichkeiten zu kreieren wie Memories, Umblätter-Rätsel, Quiz, Hampelfiguren usw. Eben alles, was das Buch zuließ und hergab. Alles, wovon ich glaubte, dass es den Kindern Spaß macht.

Nebensächliches wird zur Hauptsache
Umgang mit den Büchern anregen, ist es nicht erstaunlich, dass die Kinder während der Werkstatt begonnen haben, Spiele zu den einzelnen Bilderbüchern zu entwickeln. Als ich dann zufällig einen Bericht über eine Bilderbuchwerkstatt der Evangelischen Grundschule Potsdam las, in der sich Kinder mit dem zeitgenössischen Bilderbuch auseinandersetzen, fühlte ich mich bestätigt. Das Fazit lautete nämlich: Nicht nur Lesen, Bilderbetrachten und Erzählen von Büchern sind ein Erkenntnisgewinn, sondern auch die Auseinandersetzung mit Büchern im scheinbar Nebensächlichen. Das zeigt sich indem die Schülerinnen und Schüler ganz von selbst während der Werkstatt begonnen haben, Spiele zu den einzelnen Bilderbüchern zu entwickeln. Einige haben zum Beispiel das Bilderbuch »Zooologie« von Joelle Jolivet in eine Spiel-Performance verwandelt. Sie stellten gemeinsam ein Spielfeld mit den aus dem Buch ausgewählten Tieren her und versahen sie mit Nummern. Dann wurde gewürfelt und das jeweilige Tier nachgeahmt. Immer mehr Kinder schließen sich diesem Z000logie-Spiel an, das Zugänge zum Tier über Beobachtung, Einfühlung und Nachahmung sucht.

Neue Welt
Bilderbücher, die zwischen den Seiten Welten wachsen lassen und die einen staunen lassen, sind es, die die Vermittlung zur Kunst werden lassen. Damit es auch bei mir so weit kommt, muss ich noch sehr viel Erfahrung sammeln. Ich bin mit dem Lehrgang in eine Welt eingetaucht, die mir bislang unbekannt war. Denn nach meinem Studium an der PH Feldkirch (1988 bis 1991) zog es mich zum Journalismus hin und damit zu einer Arbeit ohne Kinder. Die Welt rund um die Vermittlung von Kinderliteratur ist für mich daher eine völlig neue Welt. Eine in die ich während meiner Praxis hineingeschnuppert habe und die für mich spannend wie herausfordernd ist. Irgendwie so, wie die Welt in den Büchern für Kinder ist. Und gleich und gleich gesellt sich bekanntlich gerne.
Diese Ausbildung war ein Teilabschnitt auf dem Weg zu meinem großen Traum, irgendwann selbst ein Bilderbuch zu veröffentlichen. Bestimmt bin ich dem einen großen Schritt nähergekommen.

Wer schnarcht im 13. Stock? Book Cover Wer schnarcht im 13. Stock?
Wade Bradford
Bilderbuch
Orell Füssli Verlag
28. Februar 2019
25.5 x 1.2 x 29.4 cm
40 Seiten
Kevin Hawkes

Herr Schnarch ist müde und möchte schlafen. Im Gute-Nacht-Hotel ist es allerdings nicht einfach, ein Bett zu finden! Mal liegt eine Maus auf dem Kopfkissen, dann ein Schwein im Bett oder es tropft es von der Zimmerdecke.
In jedem Zimmer, das ihm der stoisch-liebenswürdige Rezeptionist zeigt, gibt es etwas Überraschendes, das den Hotelgast wach hält. Im 13. Stock sind die Möbel zwar etwas groß, aber es ist ruhig und das Bett ist leer! Endlich, Herr Schnarch schläft sofort ein.