Die Bretter, die die Welt bedeuten

*vorgestellt von Michaela Pettermann-Kisling*

Vorhang auf!

Licht an!

Bühne frei!

 

And   the   Oscar   goes    tooooo…

Ach, hoppla, der Oscar ist ja ein Filmpreis, aber das müssen wir in diesem Fall vielleicht nicht so eng sehen.         

Außerdem könnte es mein ganz persönlicher Oscar sein – ach, nennen wir ihn einfach einen „Mipeki“ – ist ja schließlich eine von mir aus Ton geformte Fantasiefigur, die vielleicht einmal ebenso große Berühmtheit erlangen wird und um die sich alle Theaterschaffenden nur so reißen werden – den ich heute überreichen möchte.

An wen soll er denn nun überreicht werden, fragen Sie sich vielleicht, werte Leserinnen und Leser.

Also gut, dann öffne ich das Kuvert:  …Trommelwirbel…

 

And   the   Mipeki   goes    tooooo…

 

T H E A T E R   D E R   J U G E N D !

 

Das ist für heute meine ganz persönliche Tagträumerei.

 

Meine Vision.

 

Vor 91 Jahren hatten zwei Männer auch so eine Idee, eine Vision, die höchst erfolgreich wurde. Der Schauspieler Stefan Wagner und der Realschuldirektor Hans Zwanzger gründeten das „Theater der Schule“, welches der Grundstein für das spätere „Theater der Jugend“ wurde.

Die beeindruckende Erfolgsgeschichte kann auf der Homepage des Theaters der Jugend oder in dem Buch „Neue Wege – 75 Jahre Theater der Jugend in Wien“ von Gerald M. Bauer und Birgit Peter (Hg.) bei Interesse im Detail nachgelesen werden.

Ich möchte an dieser Stelle das aktuelle Stück/Musical „Frau Zucker will die Weltherrschaft“, welches derzeit im Renaissance-Theater in Wien aufgeführt wird, zum Anlass nehmen, um dem gesamten Team Rosen zu streuen.

Schon seit vielen Jahren bin ich begeisterte Theaterbesucherin, zuerst selbst noch Kind, dann Jugendliche und junge Erwachsene, etwas später Mutter mit kleinen Kindern und nun Mutter mit nahezu erwachsenen Kindern.

Jede erlebte Aufführung habe ich stets als große Bereicherung empfunden, als Geschenk, und meine Begeisterung und Bewunderung wuchs gleichermaßen für die unglaubliche Kreativität, für die umfassende Professionalität und das beeindruckende Können des gesamten Ensembles.

Die Liebe zum Erzählen einer Geschichte und das respektvolle Begegnen auf Augenhöhe bestechen ebenso wie die aus jeder Pore dringende Begeisterung, Kraft, Energie, Lebensfreude und Bewegung, die unweigerlich auf das Publikum überspringen.

Dem gesamten Ensemble gebührt großer Dank für sein umfassendes Engagement. Es ist meiner Meinung mehr als gelungen, einen Ort der Magie zu schaffen, in welchen man mit Haut und Haaren eintauchen kann und auch nicht so schnell wieder auftauchen möchte.

Der Wert und die Bedeutung eines solchen Theaterkosmos können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: für das einzelne Kind, die Familien, die gesamte Gesellschaft.

Ich nehme das kulturelle Schaffen für Kinder als unschätzbaren Beitrag für ein ehrliches Miteinander wahr, weil Kindern damit eine Stimme gegeben und eine Reflexionsfläche geboten wird.  Es kann eine sinnstiftende Grundhaltung zur Kultur erlernt werden, die – wenn authentisch – mutige, freudvolle Perspektiven ermöglicht und dem Kind durch die Identifikation zu einem selbstbewussten, reflektierten und verantwortungsbewussten Heranwachsen verhilft.

Für die Stücke am Puls der Zeit ist Thomas Birkmeier seit 2002 als künstlerischer Direktor des Theaters der Jugend verantwortlich. Er meint: „Denn der Mensch – auch schon der kleinste – will sich auf der Bühne gespiegelt sehen und eine Geschichte schauen, die ihn etwas angeht. Gutes Theater ist Gegenwehr gegen die menschliche Unvernunft und stellt sehr wohl anhand seiner HeldInnen die Frage nach moralischem Verhalten und den Maximen menschlichen Zusammenlebens – und das haben wir gegenwärtig wohl sehr nötig.“

Jede Institution, die sich um einen Zugang zu einer freilassenden, aber Menschen verbindenden Kultur für Kinder und Jugendliche einsetzt, verdient höchste Anerkennung, aber auch faire finanzielle Zuwendung. Das Sparen an falschen Plätzen, und davon gibt es meinem Empfinden nach mittlerweile unzählige, sehe ich in vielen Bereichen höchst kritisch.

Es besteht außerdem mehr denn je die dringliche Notwendigkeit einen Gegenpol zu schaffen zu den virtuellen Welten, die immer früher und mächtiger in die Kinderwelten eindringen und das Denken, Fühlen und Wollen beeinflussen bzw. lahmlegen.

Das Eintauchen in den Theaterkosmos, das gemeinschaftliche Erleben eines Stückes in einem geschützten Raum, die Verbindung und Identifikation mit den Figuren auf der Bühne, aber auch die „Verschwisterung“ des Publikums erzeugen ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl und eine wache Lebendigkeit.

Die sprudelnde Vorfreude, die realen Begegnungen, das mitfühlende Erleben, die unbändige Neugier, das miteinander Lachen, Hoffen, Bangen und Durchhalten, die freudvolle Anspannung, das prickelnde Mitfiebern, das Kribbeln im Bauch, die Wiederbelebung der Fantasie, das raschelnde Fingern nach den Gummibärchen, die „Happy-End-Erleichterung“ und der spontane Applaus: all dies und so viel mehr kann uns der Besuch im Theater schenken.

Nun möchte ich aber dem Musical „Frau Zucker will die Weltherrschaft“ von Peter Lund und Wolfgang Böhmer den Raum geben, den es mehr als verdient hat und versuche mich an einer kurzen Zusammenfassung des aktuellen Stückes:

Kindern soll anhand einer neuen Erfindung ihre kindliche, überbordende Energie abgesaugt und in das Energienetz der Stadt eingespeist werden. Das Problem dabei: nach der „Prozedur“, welche in einer umgebauten Duschkabine stattfindet, ist das Kind nicht mehr Kind, sondern ein antriebsloser Erwachsener.

Frau Zucker, die nur scheinbar süß ist, steckt gemeinsam mit Fr. Dr. Giftig und Herrn Braasch hinter diesen teuflischen Machenschaften und gemeinsam versucht das Trio dieses gewinnbringende Geschäftsmodell umzusetzen.

Dies gelingt dank Meggi nicht, da sie alles daran setzt, ihre Freundin Tinchen und deren Freund Hansi aus den Fängen der bösen Hexe Frau Zucker zu befreien.

Der große Reigen an Problemen und brandaktuellen Themen bilden eine große Bandbreite an realen Lebenswirklichkeiten vieler Kinder ab.

All die Themen, die Kinder schon sehr früh beschäftigen können und Fragen aufwerfen, wie zum Beispiel Depressionserkrankungen bei Eltern (Hypothese der Kinder: „Sie isst zu viele schwarze Sachen.“), eine Mutter, die ihr eigenes Kind vergessen hat, Zeitnot der Eltern durch Vollzeitarbeit und deren damit verbundene Selbstvorwürfe und Gewissensbisse, Medikamentenabhängigkeiten, Gewalterfahrung in der Familie, erlösende Heilsversprechungen von Konzernen, Verschwörungstheorien, unfreundliche Babysitter, Kinderfeindlichkeit, Umgang mit den Alten und Kranken in der Gesellschaft und vielen mehr können einem den Atem rauben.

Dankenswerterweise werden unter anderem mit eingängigen Samba- und Tangorhythmen so manche Probleme satirisch untermalt, humorvoll verstärkt, mutig weggesungen bzw. leichtfüßig weggetanzt.

Somit wird der Blick auf die Fülle von Schwierigkeiten und Hindernissen erträglich, nein, sogar verhandel- und bewältigbar.

Zum Abschluss noch eine herzerwärmende Anekdote:

Bei der Textzeile, die von den „Bösewichten“ gesungen wird, „…aber böse sind wir nicht…“, springt ein kleiner Zuschauer energisch auf und ruft mit einem entrüsteten Brustton der Überzeugung: „Oooojaaaa, ihr seid böse!“.

So viel erfreuliche Courage und spontane Begeisterung lassen mich an ein gutes Ende glauben, sowohl im Stück als auch im realen Dasein.

Deshalb:

Chapeau!

  Applaus, Applaus!

 R E S P E C T!

Frau Zucker will die Weltherrschaft Book Cover Frau Zucker will die Weltherrschaft
Peter Lund, Wolfgang Böhmer
Musical
Theater der Jugend in Wien - Theater für Kinder tdj.at https://www.tdj.at › kindertheater › in-wien
16.02.2023 - Österr. Erstaufführung
Theater der Jugend