Il canto della felicità (original: Le Bonheur prisonnier)

‘s Glück is a Vogerl

… heißt’s schon im bekannten Wienerlied von Alexander von Biczo und Karl Kratzl oder (frei nach Pinocchio): Das Glück ist eine Grille. Und zwar eine in einem Käfig.
Liao ist sieben Jahre alt und lebt (vermutlich irgendwann in früheren Zeiten) mit ihrer Familie in einem traditionellen chinesischen Haushalt. Eines Tages erzählt ihr Na, ihre Urgroßmutter, welche Bewandtnis es mit der Grille in der Küche hat:

“Ascolta, Liao. Questa è la gabbia del grillo del focolare. Una piccola gabbia d’oro. Il grillo che vive lì dentro porta fortuna a questa casa. Canta per noi. Ci protegge. Noi non siamo ricchi ma, vedi, gli abbiamo dato una casa d’oro. Significa che il grillo è importante”.

[Hör zu, Liao. Das ist der Käfig der Grille des Herdfeuers. Ein kleiner Käfig aus Gold. Die Grille, die dort drinnen lebt, bringt diesem Haus Glück. Sie singt für uns. Sie beschützt uns. Wir sind nicht reich, aber schau: Wir haben ihr ein Haus aus Gold gegeben. Das bedeutet, dass die Grille wichtig ist.]

     

Am Tag ihres Geburtstages fängt die Grille plötzlich an mit Liao zu sprechen und fordert sie dazu auf sie frei zu lassen. “Aber das kann ich nicht tun!”, erwidert Liao, “Dann verlieren wir ja unser Glück!”
“Ja glaubst du denn, dass ich glücklich bin, wenn ich im Käfig bleibe?”, sagt die Grille.

Die Grille hat als Glücksbringer eine alte Tradition in der chinesischen Kultur. Noch heute halten sich viele Chinesen eine Grille als Haustier. Das Zirpen einer Grille, so findet man es im Internet, ist so gut wie das Bellen eines Wachhundes. Hört sie auf zu singen, macht sie auf etwaige Gefahren aufmerksam (https://www.lefrontal.com/de/tiere-die-gluck-symbolisieren). Auch das Motiv des goldenen Käfigs findet sich in zahlreichen Geschichten auf der Welt.

Was bedeutet Freiheit? Kann man das Glück halten? Und was, wenn dies nur auf Kosten anderer möglich ist? Wie weit dürfen wir gehen, um uns und unsere Liebsten zu beschützen? Ein Thema, wie es aktueller nicht sein könnte.
Verpackt in wunderbar farbprächtige Illustrationen, die man am liebsten in einer Ausstellung auf der großen Leinwand bestaunen möchte, erzählen Jean-François Chabas und David Sala von diesen schwerwiegenden Entscheidungen, die keineswegs nur die Erwachsenen angehen und die an den Kern eines jeden Menschen rühren.

Das Glück is a Vogerl,
gar liab, aber scheu,
es lasst si schwer fangen,
aber fortg’flogn is glei.
Das Herz is der Käfig,
und schaust net dazua,
so hast du auf amal dann
ka Glück und ka Ruah.

Liao entschließt sich, nicht mit der Gefangenschaft der Grille leben zu können, und schenkt ihr die Freiheit. Das Glück im Herzen einzusperren mag im ersten Moment eine vernünftige Entscheidung sein, doch ach: Um wieviel mehr kann es wachsen und sich vermehren, wenn es Flügel bekommt! Man muss nur sein Herz dafür öffnen.

Was für ein schöner Gedanke! Und was für ein großartiges Argument für eine alsbaldige Übersetzung dieses Buches auf Deutsch… 🙂

Il canto della felicità (orig.: Le Bonheur prisonnier) Book Cover Il canto della felicità (orig.: Le Bonheur prisonnier)
Jean-François Chabas (Übersetzung: Cristina Scalabrini)
Erzählendes Bilderbuch
Gallucci (franz. Edition: Casterman)
30. Juni 2016 (franz. Edition: 20. April 2011)
32
David Sala

Die kleine Liao entschließt sich, der Grille ihrer Familie, die Glück bringt und das Haus beschützt, auf deren Wunsch hin freizulassen. Das hat fatale Folgen für die Familie. Doch ihre Urgroßmutter weiß es wie so oft besser: "Immerhin hast du einem Lebewesen die Freiheit geschenkt."...

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