Das Steyrer Kripperl – eine Zeitreise in die eigene Kindheit

*Ein Veranstaltungstipp von Christa Öhlinger*
„Das Steyrer Kripperl ist eines der letzten noch bespielten Stabpuppen-Theater im deutschen Sprachraum.
Seit etwa 1850 gab es im Steyrer Raum zwei Wanderkrippen mit zahlreichen Figuren, mit welchen in Gasthäusern Theatervorstellungen gespielt wurden. Diese beiden Krippen dürften später zum Steyrer Kripperl verschmolzen sein. Auf der Unterbühne mit dem Stall zu Bethlehem werden religiöse Szenen gezeigt. Auf der Mittelbühne sind die Buden der Handwerker und Gewerbetreibenden untergebracht. Die Oberbühne zeigt Steyr als biedermeierliche Krippenstadt und ist Schauplatz für das weltliche Geschehen.“
Quelle:   https://www.steyr.info/christkindl-region/steyrer-kripperl.html
Video des Steyrer Tourismusverbandes vom 07.08.2015:
https://www.youtube.com/watch?v=rEE83a6TrPE

Etwas Einzigartiges also – das Steyrer Kripperl!
Generationen von Steyrerinnen und Steyrern kennen den Bäckernazl, den Liachtlanzünder und den Liachtlausbloser.
Schon vor dem  Eingang im dichten Schneetreiben wird davon gesprochen…auch Eltern und Großeltern sind voller Vorfreude.
Das Kripperl ist im Museum der Stadt Steyr, dem Innerberger Stadl, untergebracht, der historisches Ambiente aus dem 17.Jahrhundert bietet!

Die Kinder nehmen in den ersten fünf Reihen des kleinen Theaters Platz – ganz nah am Geschehen.
Mehr als doppelt so viele Erwachsene drängen sich auf den weiteren Bänkchen eng aneinander – auch das ist das Kripperl – die Enge, das erzwungene Zusammenrücken.

Der Klang der Turmuhr läutet das Geschehen ein, der Vorhang geht auf – der Nachtwächter mit Laterne und Hellebarde  erscheint auf der Brücke zwischen den Altstadthäusern :
„Alle meine lieben Herrn und Frauen,
lasst euch sagn, der Hammer, der hat zwölfi gschlagn!
Gebts acht aufs Feuer und aufs Liacht,
dass heut Nacht koan Unglück gschiacht.
Hat zwöfi gschlagn.“
So ruft der Nachtwächter die mitternächtliche Stunde in der alten Stadt Steyr aus und wird dabei immer wieder vom Kasperl unterbrochen und gehänselt – der erste Lacher der Kinder ist vorprogrammiert, wenn der Kasperl seinen beweglichen Hals ausfährt.
In der zweiten Szene ziehen vier Bergknappen mit Laternen singend von der Oberbühne ins Bergwerk der Unterbühne ein, um dort „Silber und Gold zu graben“ – auch ein Berggeist erscheint mit Theaterdonner und sorgt für geheimnisvolle und gruselige Stimmung.
Dann werden die einzelnen Handwerkerszenen in der Mittelbühne vorgestellt – mit Sprüchen und teilweise zweistimmigem Gesang – alle Szenen werden nacheinander beleuchtet und in Bewegung gesetzt: Der Bäcker zum Beispiel, knetet den Teig im Backtrog und singt: „Derweil die Leut schlafn so guat bei der Nacht, werdn die Semmerl so groß, dass oan´s Herz dabei locht…und da Mogn krocht.“
So harmlos bleibt es aber nicht, denn jetzt kommt der Liachtlanzünder und mit ihm der Liachtlausbloser, der zum Gaudium der Kinder immer und immer wieder das gerade entzündete Laternenlicht ausbläst – bis die Strafe auf seine Untaten folgt – seine Pudelhaube wird angezündet!
Der Bäckernazl, der seinen Meister zum Narren hält, wird auch bei jeder Aufführung gespielt – in dieser Szene geht es um Wortwitz (der Nazl verdreht absichtlich die Worte, wenn er mit seinem Meister oder der Wirtin spricht) und Verfolgungsszenen – Tür rein – Tür raus – das ist „die“ erwartete Szene von allen, die schon einmal das Steyrer Kripperl besucht haben und verfehlt auch heute seine Wirkung beim jungen Publikum nicht. Die Strafe für so viel Frechheit folgt aber auch hier auf dem Fuße.
Natürlich darf man dabei nicht vergessen, wie alt diese Texte sind und welchen Zeitgeist sie widerspiegeln. Auch die Sprache, die Mundart und der Wortwitz haben sich sehr verändert – wer versteht heute noch: „ins Gäu gehen“, Fisolenberg (ein Steyrer Gefängnis), Wergrupfa ( ein Seilerwerkzeug),…
Lustig auch, wenn der Liachtlanzünder davon spricht, dass er in jungen Jahren im europäischen Ausland war – in Amsterdam, in Rotterdam…und in Timmelkam – das ist Erwachsenenwitz und für die ist ja das Kripperl ursprünglich gedacht gewesen.
Es gibt noch viele weitere Szenen: „Goasslfoarn“ zum Beispiel, die den Spielern alles abverlangt, geht es doch darum, möglichst nahtlos ein turbulentes Schlittenrennen zu inszenieren! Immer wieder amüsant!
Wenn man sieht, wie eng es hinter der Bühne ist, und wieviele Figuren zu bewegen sind – einzelne auf Stäben oder ganze Gruppen auf Brettchen (z.B. Blasmusik, die sogar „rechts um“ drehen kann) , da versteht man, dass der Spielernachwuchs lange Zeit nur zuschauen/zuhören darf, bis er zum ersten Mal eine Stabpuppenszene spielen kann!
Das Steyrer Kripperl öffnet seine Tore Ende November:  zum Standardprogramm kommen dann noch Almabtrieb, Wildbretschützen, der ägyptische Josef, Kindstaufe, Steyrtalbahn, Nikolaus und Krampus, Christkind, die Heiligen Drei Könige, die Flucht nach Ägypten, Fronleichnamsprozession und viele andere biblische und weltliche Spielszenen dazu.
Ein Kripperlbesuch in Steyr zur Weihnachtszeit kann auch euch in Kindheitsträume versetzen – dorthin, wo wir mit der Miniaturwelt der Puppen staunend verschmelzen.

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